Echte Macht für soziale Bewegungen: Gegen Sharps Theorie zu Gegenmacht durch Nichtkooperation

von Roberto del Aurel, 28.März 2021

Der folgende Beitrag lädt zur Debatte ein, und stellt nicht die allgemeine Meinung der Marxistisch-Feministischen-Gruppe dar.

Abstract:

Aktuelle soziale Bewegungen hoffen auf die Einsicht von Regierungen, und haben kein Konzept für eigene Gegenmacht. Die Machttheorie des Bewegungsforschers Gene Sharp schlägt als wirksame aggressive Methode die Nichtkooperation vor. Sharps Theorie ist gut vereinbar mit dem sozialistischen Begriff von Macht, und mit Ansätzen des Organizing. Durch diese Strategie können Bewegungen tatsächlich offensive Macht entwickeln.

Obwohl sie sich oft anders darstellen, zielen aktuelle soziale Bewegungen durch ihre Praxis darauf ab, von den Mächtigen gehört zu werden. Sie legen keine Strategien vor, um Veränderung zu bewirken, ohne auf den guten Willen einer Regierung angewiesen zu sein. Ausgenommen davon sind Ansätze, die nicht “auf die Utopie warten”, sondern heute schon beginnen, sie zur Wirklichkeit zu machen. Manchen zivilgesellschaftlichen Organisationen gelingt dieses “Errichten utopischer Nischen” in ihrem jeweiligen Kontext. Aber bei sozialen Bewegungen, die sich eben dadurch auszeichnen, keine festen Organisationen zu sein, bleibt der Anspruch stets hinter der Realität zurück.  Das lässt sich beispielhaft gut an Ende Gelände aufzeigen, dessen Motto lautet “Wir nehmen den Kohleausstieg selbst in die Hand.”

Dieses Motto ist im Anspruch natürlich richtig, drückt jedoch die aktuelle Katastrophe der Bewegungen aus: Man redet sich durch radikal klingende Sprüche Mut zu, um zu überdecken, dass man eigentlich nur symbolisch Protest einlegt. Tatsächlich ist den meisten Teilnehmenden klar, dass sie nur etwas symbolisches tun. Denn wenn man sie fragt, warum sie hier sind, wird meistens geantwortet: “Um ein Zeichen zu setzen.”

Diese Symbolpolitik im Festivalformat hat Extinction Rebellion auf die Spitze getrieben. Sie erkannten offen und ausdrücklich an, dass es ihnen nur darum geht, Aufmerksamkeit zu erregen. Sie verdeckten das nicht, wie Ende Gelände, durch irgendwelche scheinbaren Ziele wie “Polizeiketten überwinden”, oder “Kraftwerk blockieren”. Extinction Rebellion drückte ihr wahres Ziel ganz offen aus: Sie wollten, dass sich möglich viele ihrer Aktivist*innen freiwillig verhaften lassen – als ein Mittel zum Zweck um Aufmerksamkeit zu erregen. Dadurch bekannten sie sich ganz offen zu dem Ziel, das fast alle linken Bewegungen insgeheim teilen: Es geht um die Mobilisierung von Aufmerksamkeit.

Leider lässt sich also durch diese Bewegungen nicht lernen, was es bedeutet Gegenmacht aufzubauen. Denn sie selbst zielen gar nicht darauf ab, Macht zu haben, sie gehen insgeheim von der Prämisse aus, dass nur Regierungen Macht haben, und sie selbst nie über reale Macht verfügen werden. Sie können nur wie Kinder um die Aufmerksamkeit der mächtigen Erwachsenen rangeln. Und sind dann hilflos, sobald sie merken, dass sie von den Erwachsenen einfach ignoriert werden.

Einen Lösungsvorschlag bietet der Bewegungsforscher Gene Sharp. Er hat sich damit beschäftigt, was Bewegungen tun können, wenn die Mächtigen keine Einsicht zeigen. Er entwickelte seinen Ansatz in kritischer Abgrenzung zu Mahatma Ghandis Machttheorie. Ghandis Ansatz des Satyagraha setzt auf das Mitglied und die Einsicht des Gegenübers: Indem man das Richtige tut, und sich dadurch bewusst Gewalt und Leid aussetzt, soll beim Gegner ein Wandel ausgelöst werden.

Gene Sharp dagegen entwarf eine Strategie, die nicht auf die Einsicht des Gegenübers angewiesen ist, aber trotzdem friedlich massiven Druck ausübt.  Der Kerngedanke seiner Theorie ist, dass Macht durch Kooperation entsteht. Die Macht eines herrschenden Akteurs entsteht nicht aus Ämtern oder Eigentum, sondern einzig und allein daraus, dass Menschen aktiv mit ihm kooperieren. Umgedreht bedeutet das also, dass Widerstand durch Nichtkooperation entsteht. Beenden Menschen ihre Kooperation mit einem Akteur, verliert dieser Akteur an Handlungsfähigkeit. Würde absolut niemand mehr mit ihm kooperieren, wäre seine Macht exakt Null – ganz gleich ob er bestimmte Herrschaftstitel oder Eigentum besitzt.

Die Macht der Nichtkooperation erdachte Sharp nicht am Schreibtisch, sondern leitete sie aus unzähligen historischen Beispielen ab. In seinem Werk The Politics of Nonviolent Action sammelte er 198 unterschiedliche Methoden des zivilen Widerstands. Seine Auseinandersetzung mit friedlichen Methoden führte so weit, dass er überzeugt war, man könne durch Nicht-Kooperation ganze Diktaturen stürzen.

Alle, die mal gestreikt haben, wissen dass massenweise Nichtkooperation ein machtvolles Instrument ist. Sharps Machttheorie passt zum marxistischen Gedanken, dass die herrschende Klasse vollständig von der beherrschten, arbeitenden Klasse abhängig ist. Gegenmacht als Nichtkooperation ist aber nicht allein auf die klassische Produktionssphäre begrenzt. Weitere Beispiele sind die massenhafte Kriegsdienstverweigerung in den USA während des Vietnamkriegs, die Massenemigration aus der DDR, das massenweise Brechen des britischen Salzmonopols in Indien, oder die aktive Blockade transnationaler Warenströme in Nicaragua.

Ein etwas anderes Beispiel gibt es aus dem Kampf um den Hambacher Forst, wo die Polizei plötzlich ihre Hebebühnen verlor, und die Aktivist:innen nicht mehr aus den Bäumen holen konnte. Die Aktivist:innen hatten die Verleihfirma der Geräte angerufen und überzeugt, nicht länger mit der Polizei zu kooperieren.

Indem man recherchiert, und analysiert, auf welche Beziehungen ein Gegner angewiesen ist, kann man Auseinandersetzungen extrem anstrengend für ihn gestalten, und ihn vielleicht sogar isolieren. Die bisherige Taktik des Gegners, soziale Bewegung zu ignorieren, geht nicht mehr auf, sobald die Methoden der Bewegung nicht mehr rein symbolisch sind.

Das Prinzip, auf konkrete (Kooperations-) Beziehungen des Gegners zu zielen, und diese zu beenden, findet sich auch in Teilen des Organizing wieder. Dort existiert die Methode des Power Mapping, wo auf einer Tafel mit Koordinatensystem, der gegnerische Entscheidungsträger („the target“) und die mit ihm verbundenen Akteure platziert werden. Dadurch kann man sich selbst verdeutlichen, mit welchen Akteuren man sprechen kann, und wer von wem abhängig ist. Das Ziel ist es, passende Akteure auf die eigene Seite zu ziehen, also auf dem Koordinatensystem nach links. Für das gegnerische “Target” bedeutet das, dass sich seine Beziehung zu diesem Kooperationspartnern verschlechtert hat, was  Druck beim „Target“ auslöst.

Die Methode des Power Mapping, und die Machttheorie von Gene Sharp  kann Aktivist:innen helfen,  eine wirksame offensive Praxis zu entwickeln, statt sich nur über den Umweg der Massenmedien  an die Öffentlichkeit zu wenden – was der Gegner bestenfalls ignoriert, und schlimmstenfalls nicht mitbekommt. Indem man die konkreten (Kooperations-) Beziehungen des Gegners angreift, können Bewegungen tatsächlich die Realität und Handlungsmacht des Gegners beeinflussen.