Digitaler Corona-Aktivismus: 4 Hinweise für politisch Aktive

Ein Debattenbeitrag von einigen MFG-Mitgliedern.

MFG coronaDurch Corona findet Aktivismus nun im digitalen Raum statt. Dieser Raum produziert Probleme, weil er Monopole schafft. Aber er bringt auch riesige Chancen, da wir jetzt endlich aus dem einfallslosen Trott der Demonstrations-Rituale ausbrechen können. Es wird Zeit dass Die Linke, als eine bundesweite Organisation, endlich das große Potential vernetzter Kommunikation versteht und für sich nutzt. Wir müssen  damit rechnen, ein ganzes Jahr lang ohne physische Treffen auszukommen. Zeit uns die Fragen zu stellen, über die wir eigentlich ständig reden sollten.

 

These 1: Digitale Treffen sind super, außer für „Neue“.

Politische Treffen finden jetzt digital per Videokonferenz statt. Das verändert für politische Gruppen erstmal nicht so viel. Eventuell laufen Treffen jetzt sogar schneller, fressen weniger Anfahrtszeit, und es kommt zu Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Städten.

Ein riesiges Problem ist aber,  dass man nicht mehr zusammen „chillen“ kann, zum plaudern und „Bier trinken“. Der gemütliche „Zeit-Raum“ vor und nach der Besprechungen fällt weg.

Klar, man kann nach den Videotreffen noch gemütlich quatschen. Aber: Es kann leider immer nur eine Person reden. Es fehlt die Möglichkeit, zur Seite zu gehen, zu zweit, zu dritt, Gespräche anzufangen. Es fehlt die „Quality time“, wo man auch mal über intimeres, persönliches sprechen kann. Dabei sind genau diese persönlichen Gespräche unglaublich wichtig. Sie sind das Kettenöl aktivistischer Gruppen.

Vor allem für schüchterne Menschen, und für neue Menschen, wird es sich  negativ auswirken.

Das bedeutet, dass dein soziales Feingefühl jetzt beansprucht wird. Es kann helfen, sich parallel wöchentlich in kleineren Grüppchen zu treffen. Und Treffen zu planen, in denen  es explizit gewünscht ist, sich auszutauschen, auch mal abzuschweifen, zu plaudern. Oder ein Youtube-Video zusammen zu gucken.

Vielleicht sollten wir auch das Konzept der „1on1“-Telefonate aus den USA ausprobieren. Das kann besonders bei neuen Menschen hilfreich sein, um mal genauer nach ihren Geschichten, Wünschen und Erwartungen fragen zu können. Sie werden sich freuen, dass du anrufst – versprochen!

These 2: Der digitale Raum führt zu Monopolen. Wir können untergehen, oder führen. 

In politischen Vorträgen ändert sich erstmal nicht so viel: Die Rednerin steht diesmal eben vor der Kamera, statt am Pult. Ein riesiges Problem entsteht aber für die Bewerbung, weil unsere kleinen Gruppen ihren „Lokal-Bonus“ verlieren, den sie gegenüber großen, professionellen Organisationen hatten. Normalerweise kommen Menschen zu unseren Vorträgen, weil es eben angenehmer ist einem Vortrag direkt vor Ort zuzuhören, statt daheim vor dem Bildschirm. Jetzt macht das aber keinen Unterschied mehr. Und logischerweise hört man bei digitalen Vorträgen lieber professionellen Berühmtheiten zu, statt den Hobby-Aktivistis vor Ort. Oder man schaut direkt eine Doku. Was politische Bildung angeht, werden professionelle Medieneinrichtungen weiter dominieren. Unter den politischen Organisationen gewinnt, wer die meisten Facebook-Likes hat, und wer die größte Werbe-Abteilung hat. Ein professionelles, aufregend geschnittenes, dramaturgisch produziertes Video steckt jeden körnigen Facebook-Stream in die Tasche.

Insgesamt müssen wir befürchten, dass die Zwangsumsiedlung in den digitalen Raum dazu führt, dass es zu Monopolen einzelner Organisationen kommt. Das ist im digitalen Raum immer der Fall. Das digitale Publikum geht immer da hin, wo es bereits am besten läuft. Im nicht-digitalen Raum war das anders. Der reale, physische Raum verhindert solche Monopole normalerweise, da das Publikum sich für eher nahe gelegene Räume und Gruppen entscheidet. Sonst würden wir alle konsequent in den Berliner Clubs feiern gehen, und nicht bei DJ Thomas in der Dorfdisco.

Das kann allerdings für SDS-Gruppen eine große Chance sein. Denn nicht alle Menschen wollen den langweiligen politischen Mainstream. Innerhalb der linken Szene können wir jetzt versuchen, eine führende Rolle einzunehmen. Wir haben im Gegensatz zu kleineren, isolierten, aktivistischen Gruppen eine digitale Infrastruktur mit eigenen Servern (Big Blue Button). Wir haben (hoffentlich) eine herzliche Kultur, Know-How über Design und Organizing.

Wir sollten kleinere Gruppen unterstützen, indem wir in „Skillshare-Treffen“  für Austausch zwischen Gruppen sorgen. Alle linken Gruppen sollten sich über ihre aktuellen politischen, digitalen Arbeitsweisen austauschen. Denkbar wäre auch ein Beleben der Bündnisse „Kritische Einführungswoche“, um Gruppen zu helfen, die nicht die Ressourcen haben um digital auf sich aufmerksam zu machen, und hunderte Erstie-Facebook-Gruppen abzuklappern.

These 3: Keep calm, and forget „Demonstrationen“.

Es stimmt nicht, dass wir gelähmt seien, weil wir angeblich durch physische Isolation voneinander getrennt seien. Wir erleben keine Zunahme von sozialer Atomisierung. Im Gegenteil, wir erleben sogar eine Vermehrung politischer Treffen, nur eben im digitalen Raum. Viele Aktive stürzen sich jetzt in viele neue, digitale Projekte. Das kann schnell zu Überladung führen, deswegen müssen wir auf Self-Care achten und unseren Aktivismus nachhaltig gestalten.

Warum fühlen denn trotzdem so viele politisch Aktive aktuell eine „Lähmung“?  Wir denken: Der eigentliche Grund dieses Gefühls ist, dass wir keine Demonstrationen planen können. Und das sorgt für Verzweiflung, denn Aktivist*innen machen normalerweise tagein, tagaus diese eine Aktionsform: Demonstrationen. Da das wegfällt, herrscht Ratlosigkeit, was man nun konkret machen könne, außer digitaler Vorträge. Und dann geschieht das auch noch inmitten einer historisch massiven Krise. Diese Unfähigkeit, zu handeln, führt zum Gefühl der Lähmung.

Wir freuen uns über das Ende der Demonstrationen, da wir sie für eine, durch die Zeit überholte und daher ineffiziente Aktionsform halten. Corona ist eine Chance, um endlich über die dringende Frage nachzudenken, was man anstelle von Demonstrationen machen kann. Wir können uns nun mit Freude und Frische der offenen Frage stellen, wie wir nun vorgehen wollen.

Da man jetzt nicht mehr, auf Teufel komm raus, die Mensa und die Fußgängerzone plakatieren kann, muss man sich neu fragen: Wen wollen wir erreichen? Wen will ich sogar organisieren? Wie erreiche ich meine Zielgruppe am effektivsten?

Wir müssen  uns auch fragen: Was genau will ich verändern? Wer genau entscheidet darüber? Wie erreiche ich diese Person? Wie setze ich diese Person unter Druck?

These 4: Statt Demos: Angriffe auf Beziehungen.

Demonstrationen sind eine extrem unpräzise Aktionsform, und können ignoriert werden. Man ruft in den leeren Raum, es ist meist unklar, an wen der Protest adressiert ist oder der eigentliche Adressat wird durch verzerrte Berichterstattung nicht erwähnt. Abgesehen davon wird einem der Adressat keine Aufmerksamkeit schenken, stattdessen wird man stets ignoriert. Oder glaubt ihr, Angela Merkel ändert etwas an ihrer Politik, nur weil Massen vor dem Kanzleramt rumstehen?

Wir schlagen einen anderen, gezielteren, Ansatz vor, um Gegner endlich wirklich unter Druck zu setzen. Wir schlagen einen beziehungstheoretisch orientierten Ansatz vor. Wir vertreten die Machttheorie, dass Macht aus Beziehungen entsteht. Macht ist Handlungsfähigkeit, und diese entsteht aus Beziehungen. Damit meinen wir nicht die banale Erkenntnis, dass Regierungen korrupte Beziehungen zu Lobbyvertreter*Innen haben. Wir meinen damit wirklich das Verhältnis von Mensch zu Mensch. Diese Verhältnisse drücken sich u.a. in Produktionsbeziehungen, Arbeitsbeziehungen, Konsumbeziehungen, mediale Beziehungen, Mandatsbeziehungen, Freundschaften, Familienbeziehungen, Liebesbeziehungen aus .

Wir setzen dann einen Akteur unter Druck, wenn  wir als Aktivist*innen eine, oder mehrere seiner Beziehungen belasten und möglicherweise sogar durchtrennen. Wir müssen aber von Fall zu Fall ganz konkret analysieren, welche Beziehung wir dabei ins Visier nehmen sollten. Wenn wir einen Akteur dazu bringen wollen, nicht mehr sexistisch zu sein, werden wir normalerweise seine Freundschaften belasten. Wollen wir einen klimafeindlichen Energiekonzern unter Druck setzen, wäre es gut seine Beziehungen zu Kohlebaggerfahrer*innen zu belasten. Als die Polizei die Baumhäuser im Hambi räumen wollte, haben die Aktivist*innen die Beziehung zur Firma belastet, die der Polizei die Hebebühnen vermietet. Plötzlich hatte die Polizei keine Geräte mehr. Vor kurzem haben einige SDS-Gruppen versucht die Bundesregierung unter Druck zu setzen, um das Krankenhauspersonal zu entlasten. Sie haben gezielt die gesundheitspolitischen SPD-Abgeordneten angerufen, um die Beziehung zwischen den beiden Koalitionspartnern zu belasten. Hätten wir eine Basisgruppe in Borken, könnten wir die Beziehung zwischen Gesundheitsminister Jens Spahn und seinem Wahlkreis belasten.

Jeder Akteur ist nur mächtig, also handlungsfähig, weil er Menschen hat, die mit ihm kooperieren. Kooperieren sie nicht mehr, verliert der Akteur an Macht, und hat dann meistens ein Problem.

Unser Ansatz will also das soziale Kapital unserer Gegner zerstören. Unser Aktivismus muss ganz konkrete Beziehungen identifizieren und angreifen. Der Zwang, jetzt im digitalen Raum zu arbeiten, verbessert unsere Situation massiv. Denn Beziehungen funktionieren durch Kommunikation, und Kommunikation ist nicht auf physischen Raum angewiesen. Die Theorie der Beziehung als Macht ist allmächtig, weil sie wahr ist.